Faszien – mehr als nur leere Hüllen

An jeder Ecke liest, sieht und hört man Artikel, Berichte und Angebote zum Thema Faszien und Faszientraining. Besonders in den letzten 3 Jahren ist ein regelrechter „Faszienboom“ entstanden. Man hat fast das Gefühl, die Wissenschaft hätte eine Neuentdeckung gemacht - doch jetzt kommt die überraschende Nachricht: Faszien gab es schon immer! Bis vor ein paar Jahren war man sich jedoch noch nicht im Klaren darüber, welchen Einfluss die faszialen Strukturen auf die Funktionalität, Leistungsfähigkeit und somit Gesundheit des menschlichen Körpers haben.

 

Was sind Faszien eigentlich genau?

Faszien sind Gewebefasern, die unseren gesamten Körper durchziehen und hauptsächlich aus Collagen und Elastin bestehen. Das Fasziale System in unserem Körper kann man sich wie ein dreidimensionales, bewässertes Spinnennetz vorstellen, das alles im Körper mit allem verbindet. Um die Fasern und Zellen herum befindet sich Wasser, welches als „Schmiermittel“ funktioniert und „alles geschmeidig hält“. Im weitesten Sinne sind Faszien alle dehnbaren Strukturen, d. h. alle faserigen und kollagenhaltigen Bindegewebsstrukturen wie Muskelbindegewebe, aber auch die Bänder, Sehnen, Gelen kund Organkapseln. Je nach Funktion sind manche faszialen Strukturen eher elastisch, um Bewegungen zu unterstützen; andere sind hart und fest, um die Körperspannung und - stabilität zu gewährleisten.

Bei dem Faszienbegriff muss man nach Art der Beschaffenheit und nach der Funktionsweise differenzieren. Hierdurch bilden sich 4 Faszienarten heraus:

  • Die oberflächlichen Faszien befinden sich im Unterhautgewebe. Diese Art von Faszien speichern Fett und Wasser und fungieren als Durchgang für Lymphe, Nerven und Blutgefäße. Außerdem dienen sie als Puffer und Dämpfer und füllen freie Stellen im Körper aus.
  • Die viszeralen Faszien umhüllen die inneren Organe und dienen ihnen somit sozusagen als „Aufhängung“.
  • Die tiefen Faszien sind im gesundheitssportbezogenen Kontext eine der zwei wichtigsten Faszienarten. Durch ihre Beschaffenheit halten sie hohen Zugbelastungen stand. Sie werden oft auch als Muskelhaut bezeichnet, da sie alle unsere Muskelfasern, Muskelbündel und Muskel einzeln umhüllen. Gut bewässert fungieren sie auch als Gleitmittel für „reibungslose“ Bewegungsabläufe. Sie sind besonders für die Energie- und Bewegungsübertragung im Körper von großer Bedeutung und passen sich der Belastung an.
  • Bänder, Sehnen und Gelenkkapseln werden ebenfalls als fasziale Strukturen bezeichnet. Durch ihre Beschaffenheit stabilisieren sie die Gelenke und machen uns weniger anfällig für Verletzungen. Eine weitere Funktion besteht darin, die Energieübertragung bei körperlichen Bewegungen zu verbessern und sie dadurch ökonomischer (energie- und kraftsparender) durchführen zu können.

Wie man sieht, übernehmen Faszien in unserem Körper unterschiedlichste Funktionen und spielen eine übergreifende Rolle bei körperlichen Abläufen: sie sind an jeder Bewegung beteiligt, beeinflussen die Beweglichkeit und stabilisieren unseren Körper.

 

Das Problem mit den Faszien

Einseitige Belastungen und Bewegungsmangel führen dazu, dass die faszialen Strukturen austrocknen, verfilzen und verhärten. Aber auch ungesunde Ernährung und hohe emotionale Anspannungen (Stress) können dazu führen, dass Muskeln und Faszien unelastisch werden und versteifen. Die erhöhte Körperspannung kann schließlich dazu führen, dass Nerven eingeklemmt werden. Aber auch in den faszialen Strukturen selbst befinden sich Schmerzrezeptoren. Ein dauerhaft erhöhter Spannungszustand der Faszien kann also direkt zu Schmerzen führen. „Heute ist klar, dass nicht degenerative, sondern myofasziale Ursachen den Großteil der Rückenschmerzen ausmachen: 85 bis 90 % der Beschwerden sind durch Fehlfunktionen und Verspannungen der Muskulatur bedingt.“ (Deutsches Ärzteblatt, 2008).

 

Was sind die Folgen?

Die Symptome schlecht beschaffener Faszien können von einem Gefühl des Unwohlseins, über leichte vorübergehende Schmerzen bis hin zu starken chronischen Schmerzen reichen (häufig im unteren Rücken). Darüber hinaus wird die Beweglichkeit und die körperliche Leistungsfähigkeit im Alltag stark einschränkt.

 

Die Lösung!

Um eine optimale Leistungsfähigkeit für den Alltag zu erreichen und den Körper maximal vor Verletzungen zu schützen, braucht man also nicht nur gut trainierte Muskeln, sondern auch gut trainierte Faszien. Die richtigen Bewegungsreize führen dazu, dass die faszialen Strukturen reißfester und zugleich elastisch bleiben. Muskeln und Faszien sind demnach nicht zu trennen. Vielmehr muss das Zusammenspiel zwischen diesen beiden Systemen optimiert werden. Es gibt also weder ein isoliertes Faszientraining, noch ein isoliertes Muskeltraining. Die Trainingsformen können jedoch mehr muskulär oder mehr faszial ausgerichtet sein.

 

Hier ein Überblick über die verschiedenen Trainingsformen

  • Fasziales Dehnen und Muskellängentraining

Wippendes und federndes galt früher auf Grund erhöhter Verletzungsgefahr als „verboten“. Heute weiß man über die große Bedeutung dieser Technik für die Funktionalität der Faszien. Die wippenden und federnden Bewegungen des faszialen Dehnens sollten möglichst in endgradig vorgedehnter Positionen durchführt werden.

Das Muskellängentraining (Kraft in der Dehnung; Fle.xx, o.ä.) kann als eine Art aktives Dehnen verstanden werden. Spezielle Übungen führen dazu, dass der Muskel in gedehntem Zustand Kraft entwickeln muss bzw. Spannung halten muss. Dadurch wird nicht nur er, sondern auch die um den Muskel liegende Faszie in die Länge trainiert. Die Elastizität und Beweglichkeit wird somit verbessert.

 

  • Massage der Faszien

Durch äußere Stimulierung der Faszien, wie z.B. bei manuellen Anwendungen durch einen Therapeuten oder durch „Rollen“ mit einer Faszienrolle, werden Verklebungen und Verhärtungen gelöst. Dadurch kann auch der Wassergehalt im Bindegewebe wieder steigen. Gerade beim selbständigen „Rollen“ spielt das Spüren des eigenen Körpers eine wichtige Rolle: nach und nach spürt man, wie sich Verspannungen lösen und sich die Körperwahrnehmung und Beweglichkeit verbessert.

 

  • Funktionelles Training

Funktionelles Training gilt für viele Faszienexperten als effektivster Trainingsansatz, um den Körper leistungsfähig und gesund zu halten. Alltagsnahe Bewegungen fordern und fördern das Zusammenspiel vieler Muskeln untereinander (intermuskuläre Koordination). Zudem enthalten funktionelle Trainingsformen durch ihre großen Bewegungsamplituden (Bewegungsausmaß) von sich aus viele fasziale Aspekte. Durch gezielte kleine Bewegungsveränderungen kann der Trainingsreiz und somit der Trainingseffekt auf die Faszien noch erhöht werden. Eine effektive Ergänzung zum Funktionellen Training sind Körperwahrnehmungsübungen, die die Koordinativen Fähigkeiten zusätzlich verbessern und zu einer größeren Kraftentwicklung führen können.

 

 

Abschließend fasst der Kommentar von Raimond Igel, Sportphysiotherapeut des DOSB, den Stellenwert der faszialen Thematik sehr treffend zusammen:

„Aus meiner heutigen Sicht spielen die Faszien eine riesengroße Rolle. Nicht, weil sie wichtiger als andere Strukturen sind, sondern weil durch sie viele Zustände erklärbar werden. Zudem hat die wissenschaftliche „Entdeckung“ der Faszien dazu geführt, dass Trainingsformen und -inhalte überdacht werden. Diese neue Sichtweise bietet Potenzial, neue Leistungsstrukturen aufzubauen und effektiv umzusetzen. (...) Heutige Trainingsinhalte sollten daher fasziale Strukturen berücksichtigen, um Verletzungen zu vermeiden, Bewegungsabläufe zu perfektionieren und zu ökonomisieren.“

 

Die tägliche „Faszienpflege“ ist aber nicht nur für den ambitionierten Sportler von hoher Bedeutung, sondern für jeden, der seinen Körper fit, gesund und leistungsfähig bis ins hohe Alter halten möchte. Also ran an die Faszien!

 

Bleibt gesund!

Euer Alex Arendt